Gemeinwohl Ökonomie in Nordfriesland
Hinterm Deich wird alles gut – Geimeinwohl-Ökonomie in Nordfriesland

Am 8.11. lud der SPD-Ortsverein gemeinsam mit dem Kinoklub Pellworm zu einem Film- und Diskussionsnachmittag zum Thema „Gemeinwohl-Ökonomie“ ein.

Der Begriff der Gemeinwohl-Ökonomie geht zurück auf den damaligen Leiter des Katholisch-Sozialen Instituts der Erzdiözese Köln, Joachim Sikora, der 2001 seine „Vision der Gemeinwohl-Ökonomie“ vorstellte. Unabhängig davon entwickelte der österreichische Autor, Wirtschaftsreformer, Tanzperformer und Hochschullehrer Christian Felber seine Gedanken zur Gemeinwohl-Ökonomie, die er 2010 als Buch zur „Gemeinwohl-Ökonomie“ veröffentlichte. Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich als Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für alle ist. Ziel ist es, Menschenwürde, Menschenrechte und ökologische Verantwortung auch als wirtschaftliche Grundprinzipien durchzusetzen.
Alle Unternehmen bzw. Organisationen, die sich dem Gemeinwohl verschreiben, verpflichten sich, eine „Gemeinwohl-Bilanz“ zu erstellen, deren Grundlage die „Gemeinwohl-Matrix ist.

Die Frage, wie der Wechsel von einer wachstums- zu einer ethisch-orientierten Wirtschaftsform gelingen könnte, hatte mehr als 65 Pellwormer: innen in das vollbesetzte Bürgerhaus gelockt. Nach einer kurzen Begrüßung durch den SPD-Ortsvereinsvorsitzenden Tore Zetl und Felix Leitermann vom Kinoklub Pellworm führte der Dokumentarfilm „Hinterm Deich wird alles gut“ nach Klixbüll, Breklum, Bordelum und die Husumer Horizonte, einer Einrichtung des Kirchenkreises Nordfriesland für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige. Interviews mit Akteuren wie dem Klixbüller Bürgermeister Werner Schweizer und dem Leiter der Husumer Horizonte Hans-Pahl-Christiansen zeichneten den langen Weg vom ersten Kontakt mit der Idee einer Gemeinwohl-Wirtschaft bis zur erfolgreichen Zertifizierung nach. Die Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, wenn beispielsweise bei der Beschaffung von Waren für die Gemeinde Klixbüll nicht nur beim Lieferanten, sondern auch beim Hersteller nachgeforscht werden muss, ob die Gemeinwohlkriterien eingehalten werden, wurden nachgezeichnet. Intensive Diskussionen mit allen Beteiligten, mit den Bürgern und Bürgerinnen der Gemeinden wie auch den Mitarbeitern und Betreuten bei den Husumer Horizonten machten deutlich, wie viel Arbeit und Zeit investiert wurde, um das vor Jahren gesteckte Ziel zu erreichen. Werner Schweizer wies darauf hin, welche Macht allein die öffentliche Hand im Rahmen ihrer Beschaffungstätigkeit hätte, liegt doch das jährliche Gesamtvolumen  für Produkte und Dienstleistungen, angefordert durch Einrichtungen der öffentlichen Hand,  in einer Höhe von mindestens 350 Milliarden Euro (Querverweis) Der Bundeshaushalt 2021 im Vergleich dazu sah Ausgaben von Höhe von 498 Mrd. € (Querverweis) vor. Die aus Klixbüll und den Husumer Horizonten gezeigten Bilder waren beeindruckend und die positiven Aspekte des gemeinwohlorientierten Handelns auf die Zusammenarbeit im Team, den Gemeinderat, bei Bürgern und Betreuten wurden mehr als offensichtlich. Wirtschaftliche Tätigkeit ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt, Ausbeutung von Arbeitskräften bei menschenunwürdigen Verhältnissen, fehlende Transparenz und nicht nachvollziehbare Entscheidungen in Firmen oder politischen Gremien sind für Gemeinwohl-orientierte Organisationen ein „no-go“. Für Klixbüll betonte Bürgermeister Werner Schweizer die Bedeutung der Nutzung regenerativer Energien, stolz wies er auf die Klixbüller Bürgerwindparks, Solaranlagen und die von Bürgern betriebene Biogasanlage hin und zeigte die sich für die Gemeinde daraus ergebenden auch finanziellen Spielräume auf.

Bis ins kleinste Detail konnte der gut einstündige Film nicht alles erläutern, was es mit der Gemeinwohl-Ökonomie auf sich hat , aber aus Klixbüll hatte sich Werner Schweizer und aus Husum Hans Pahl-Christiansen auf den Weg nach Pellworm gemacht, um in der sich anschließenden gut eineinhalbstündigen Diskussion Rede und Antwort zu stehen und für die Gemeinwohl-Ökonomie zu werben.

Nach kurzer Vorstellung der beiden, Werner Schweizer war bis zu seinem Eintritt langjähriger Chefpilot der Airbus Defense und interessierte sich schon in jungen Jahren für regenerative Energieerzeugung. Seit 2009 ist er Geschäftsführer der 2. Klixbüller Energiegesellschaft und seit 2013 Bürgermeister der Gemeinde Klixbüll. Hans Pahl-Christiansen leitet die Husumer Horizonte, eine kirchliche Einrichtung mit gut 170 Mitarbeitern und ist Mitglied der Gemeindevertretung der Stadt Husum.

In der Diskussion wurden zahlreiche Punkte angesprochen. Werner Schweizer betonte ebenso wie Hans Pahl-Christiansen die positiven Auswirkungen, die die Beschäftigung mit dem Thema Gemeinwohl-Ökonomie sowohl für ihre Gemeinden bzw. den Betrieb gebracht hätten. Die Zusammenarbeit sei deutlich besser geworden, die Transparenz der Entscheidungen habe dazu geführt, dass sich jeder mitgenommen fühle und sich mehr mit dem großen Ganzen identifiziere. Trotz erfolgreicher Zertifizierung sei nun aber kein Stillstand angesagt, sondern es müssten neue Ziele angestrebt werden. So wird auf Kreis- und Landesebene für das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie geworben und so sei beispielsweise beim Land inzwischen eine Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung geschaffen worden. Als ehemaliger Berufspilot liegt Werner Schweizer auch das emissionsfreie Fliegen sehr am Herzen. Im Film war bereits zu sehen, wie er sich auf den Weg nach Italien machte, um beim Hersteller von Elektro-Kleinflugzeugen Pipistrel einen Probeflug zu absolvieren. Ihm schwebt eine regelmäßige Flugverbindung zwischen dem Festland und den Inseln vor, der nicht genutzte ehemalige Militärflughafen Leck würde sich dafür als Basis optimal eignen. Hans Pahl-Christiansen sucht nach Möglichkeiten, trotz knapper Finanzmittel seiner Einrichtung, die sich nur aus Pflegegeldern finanziert, die Fahrzeugflotte auf e-Mobile umzustellen und berichtet von einem Förderprogramm, dass dies nun ermöglichen kann.

So gab es Fragen ohne Ende, wiederholt wurden beide aber auch nach den Widerständen gefragt, die zu überwinden gewesen seien. Pahl-Christiansen betont, dass es bei Diskussionen nicht darum gehen dürfe, wer recht hat, sondern was das Richtige wäre, was zu tun sei. Veränderungen seien zwangsläufig und hier gäbe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder „Change by disaster“ oder „Change by design“, also Veränderung durch Katastrophen oder Veränderung durch Gestaltung. Werner Schweizer hob hervor, dass es in Klixbüll ein glücklicher Umstand gewesen sei, dass sich dort nach 2010 die klassischen Parteien aufgelöst hätten und es nun nur noch eine Wählergemeinschaft gäbe.  Auch wenn es manchmal hieße, dass er als Bürgermeister nur mit einer „Fraktion“ zu tun hätte, betonte er, dass dies zum einen der Transparenz dienlich sei, da nun nicht mehr in Fraktionssitzungen und Hinterzimmern Entscheidungen vorbereitet würden, sondern auf Gemeinderatssitzungen, die oft bis spät in die Nacht dauern würden. Er habe nun nicht mehr mit 2 oder 3 Fraktionen zu tun, sondern 12 gescheite Gemeinderatsmitglieder, die alle ihren eigenen Kopf hätten, engagiert ihre eigene Meinung vortragen und diskutieren würden. Dies schien für das Gelingen in Klixbüll ein entscheidender Punkt zu sein, denn um ein deutliches Umlenken in Richtung Gemeinwohl-Ökonomie zu schaffen, sei es erforderlich, betonte Werner Schweizer, dass trotz aller Diskussionen letztlich alle an einem Strang ziehen würden. Gemeinwohl-Ökonomie könne nicht allein von einer Gemeinderatsmehrheit entschieden werden, sei auch nicht die Sache der Parteien, sondern aller Bürger einer Gemeinde und müsse gemeinsam gelebt werden. Ob Bürger, Gemeinderat und Parteien auf Pellworm einen solchen Weg gemeinsam gehen wollen, wird die Zukunft zeigen.

Uwe Kurzke

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